Re: Filmbewertungsthread

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Nik

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千と千尋の神隠し
Sen to Chihiro no Kamikakushi

„You don’t remember your name?“
„No, but for some reason I remember yours.“

Sen to Chihiro no Kamikakushi (eher bekannt als Spirited Away oder Chihiros Reise ins Zauberland) war der erste Studio Ghibli-Film, welchen ich je gesehen habe.
Ich war damals vollkommen überwältigt, und konnte doch noch nicht erfassen, wie wichtig die Werke Hayao Miyazakis für mich werden würden.
Der 2001 erschienene Animefilm ist der größte Erfolg Studio Ghiblis gewesen, und der erfolgreichste Film Japans.

Sen to Chihiro no Kamikakushi erzählt die Geschichte von Ogino Chihiro, einem zehnjährigen Mädchen, welches mit ihren Eltern aufs Land zieht und auf dem Weg dorthin in die Geisterwelt gerät, aus welcher sie versucht zu entfliehen.
Während sie versucht dies zu tun, muss sie viele Widrigkeiten erfahren und überstehen, versuchen sich in der fremden Umgebung zurechtzufinden und neue Freunde zu finden, so wie letztendlich ihre Eltern zu retten und den Fängen der Hexe Yubaba zu entfliehen.

„Once you’ve met someone, you never really forget them.“

Auf zwei Stunden Länge erschaffen Miyazaki und sein Team ein Märchen in einer Traumwelt, welches neben der Haupthandlung viele Nebenstränge verfolgt und den Charakteren so die Möglichkeit gibt sich zu entfalten und zu entwickeln.
Wie in seinen vorherigen (und späteren) Filmen verzichtet er auf die Rolle des reinen Antagonisten, und beleuchtet stattdessen alle Figuren so, dass immer gute, aber auch schlechte Aspekte ihres Charakters hervortreten, mal mehr, mal weniger.
Das Setting greift erneut die Geisterwelt der japanischen Mythologie auf, mehr als je zuvor, und schafft so eine farbenprächtige, atemberaubende und bildprächtige Wunderwelt voller Details und Vielfalt.

Als ich Sen to Chihiro no Kamikakushi das erste Mal gesehen habe, war es für mich ein Märchen über die Macht der Liebe und das Erwachsenwerdens. Und natürlich ist er das auch.
Im Grunde ist es ein sehr emotionaler Coming-Off-Age-Film, darüber, sich in der Fremde zurechtzufinden, neue Stellungen einzunehmen und Verantwortung zu tragen.
Doch jeder, der sich etwas tiefgehender mit Studio Ghibli befasst hat, weiß, dass Miyazakis Filme weitaus ernstere Motive ansprechen. Und so versteht man seine Filme erst richtig, wenn man älter ist. Sen to Chihiro no Kamikakushi ist ein Film über die Ausgrenzung Andersartiger. Ein Film über die Übersexualisierung des modernen Japans und dessen Einfluss auf Kinder. Ein Film über Gier und Korruption. Ein Film über Umweltverschmutzung und extreme Industrialisierung. Ein Film über den tiefschneidenden Kulturkonflikt des Nachkriegsjapan.

„You’ve carried me to shallow waters, Kohaku.“

Trotz des übernatürlichen Setting ist Sen to Chihiro no Kamukakushi ein realistischer und ernster Film, der es schafft, dennoch nie die Unbeschwertheit des kindlichen Gemüts und einen Funken Hoffnung zu verlieren.
Und so bleibt er mein liebster Studio Ghibli-Filme, und für mich einer der prägendsten, wichtigsten und bewegendsten Filme überhaupt.

10/10

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