Re: Filmbewertungsthread

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MrPsycho

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American Horror Story – Coven

Achtung Spoiler: Ja, was soll ich dazu sagen. Ich habe ja Anfang dieses Jahres die ersten beiden Staffeln von American Horror Story mit jeweils 7/10 Punkten bewertet und bin nun, seit gestern Abend, auch mit der dritten Staffel durch. Vor allem bin ich jedoch eines: Enttäuscht.
Nachdem die erste wie auch die zweite Staffel insbesondere durch einige starke Schauspieler, einer subtilen Gänsehaut-Atmosphäre und einer glaubwürdigen Story punkten konnten, wird da in Coven recht viel anders gemacht – nur meist schlechter.
Dass American Horror Story ja eigentlich eher American Thriller Story heißen sollte, dürfte mittlerweile jedem bekannt sein, ist ja auch nicht tragisch – Spaß haben Staffel eins und zwei ja trotzdem gemacht. Was in Coven jedoch teils an schrillen Charakteren und Story geboten wird, schießt meines Erachtens schon etwas übers Ziel hinaus, ist aber sicher noch Geschmackssache.
Anders verhält es sich da mit den Schauspielern. Natürlich ist Jessica Lange wieder mit an Bord und legt ein weiteres Mal eine sehr starke schauspielerische Leistung hin, keine Frage. Das Problem an dieser Sache ist jedoch, dass sie nach nunmehr schon drei Staffeln durch ihre immer gleiche Rolle des intriganten, verschlagenen Giftweibs schon fast zu einem lebenden Spoiler avanciert und Coven dann doch recht vorhersehbar macht.
Ein weiteres Problem, das sich in Zusammenhang mit Jessica Lange ergibt, ist ihr Schauspiel selbst – denn durch ihre gute Leistung treten nun leider auch die Defizite der anderen Mitwirkenden deutlich hervor. War das in der ersten und zweiten Staffel noch nicht allzu präsent, weil dort z. B. auch Dylan McDermott, Lily Rabe oder Zachary Quinto zu gefallen wussten, tut sich da in Coven ein doch recht großes Loch auf – insbesondere, weil Lily Rabe nur wenig Screentime hat und beide oben genannte Herren gar gänzlich fehlen.
Allgemein setzt man in Hinblick auf die restlichen Schauspieler primär auf weibliche Darsteller, was natürlich der Hexen-Thematik geschuldet ist. Positiv hervorzuheben ist hier in erster Linie Sarah Paulson als Schulleiterin Cordelia Foxx, die noch zu den interessanteren und besser ausgearbeiteten Charakteren gehört, daneben spielen Kathy Bates als Rassistin Delphine Lalaurie und Angela Bassett als Rivalin des „weißen“ Hexenzirkels Marie Laveau ganz solide. Tiefpunkt der Besetzung ist meines Erachtens nach der Kreis der Junghexen, auf deren Rücken ein nicht unerheblicher Teil der Story verlagert wurde und denen man anmerkt, dass sie diesen Teil schlicht nicht stemmen können. Einzig Emma Roberts versteht es wenigstens halbwegs, ihrer Rolle als ewige Hexenzicke Madison Montgomery Leben einzuhauchen. Insbesondere bleibt jedoch die bereits aus der ersten Staffel bekannte Taissa Farmiga in ihrer schauspielerischen Leistung enorm blass, was aber wohl auch dem Drehbuch um ihren recht unbedeutenden Charakter geschuldet ist. Allgemein mutet die von ihr verkörperte Hexe und die damit verbundene „Liebesbeziehung“ sowieso nur wie eine Legitimation an, (dem meines Erachtens grauenvollen) Evan Peters wenigstens etwas Screentime in der dritten Staffel zu verschaffen. An dieser Stelle ist es mir nämlich auch gänzlich unverständlich, warum die Macher der American Horror Stories einen solchen Affen an diesem Schauspieler gefressen haben, zumal dieser Teenager-Knilch bereits in der zweiten Staffel erhebliche Defizite als Hauptcharakter bewies. Wenigstens hat er in Coven nicht allzu viel Screentime, was durchaus positiv zu werten ist.
Last, but not least: Logiklücken. In der dritten Staffel von American Horror Story wird aufgrund der vielen einzelnen Begabungen der Hexen gestorben, wiederbelebt, Gedanken gelesen und manipuliert sowie noch vieles mehr. Und mehr als einmal verstricken sich die Autoren durch das inflationäre Benutzen (oder eben Nichtbenutzen) dieser Begabungen in erhebliche Widersprüche. Es ist ja der Story an sich schon nicht allzu zuträglich, munter seine Charaktere regelrecht durch die Gegend sterben zu lassen, wenn am Ende doch wieder alle wiederbelebt werden. Wenn sich dann aber beispielsweise die ebenfalls zurückgeholte Madison Montgomery bei Reibereien immer wieder auf ihre Unsterblichkeit beruft, da sie ja schon tot ist, und in der letzten Folge dann doch von Evan Peters alias Kyle Spencer erwürgt werden kann, ist Schluss mit lustig – da kommt man sich als Zuschauer einfach nur noch verarscht vor.
Genauso verhält es sich in der selben Szene mit der Gedankenkontrolle: Hat die Figur Madison Montgomery dort noch vor ein paar Storystunden (und das sogar ebenfalls bei Kyle Spencer!) bewiesen, wie sehr bei ihr die Kraft der Gedankenmanipulation ausgeprägt ist, lässt sie sich dann ohne Zögern abmurksen. Enttäuschend!
Alles in allem fuhrwerken die Drehbuchautoren einfach von einem vermeintlichen Storyhöhepunkt zum nächsten, ohne dabei auf innere Geschlossenheit, Logik und Sinn zu achten (hier seien z. B. auch noch die Hexenjäger erwähnt, denen doch recht viel Erzählzeit gewidmet wird, während sie dann letztlich allesamt sang- und klanglos innerhalb von Sekunden getötet werden).
Fazit: Die ersten beiden Staffeln waren eine Innovation, gut anzusehen und sind auch in Erinnerung geblieben – wenn auch noch Luft nach oben war. Statt dieses Potential zu nutzen, wurde mit American Horror Story – Coven eine dritte Staffel kreiert, die vor Ungereimtheiten, Unausgegorenheit und Luft nach oben nur so strotzt. Sicher ist es nötig, mal den ein oder anderen Schauspieler zu verabschieden und sich als Macher der Serie etwas neu zu orientieren – wie man es aber falsch macht, zeigt die dritte Season von American Horror Story.

4/10